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Der Politiker Ehlers

Wenn man ein bestimmendes Thema in der relativ kurzen politischen Laufbahn Ehlers´ nennen möchte, dann sollte dies, das der deutschen Einheit sein. Nicht umsonst sieht Andreas Meier Ehlers als leidenschaftlichen Deutschlandpolitiker, der diese Leidenschaftlichkeit politisch und kirchlich lebte. Daher passt auch die Bezeichnung „Missionar des Parlamentarismus“ ausgezeichnet.(1)

Hermann Ehlers betrieb eine nationalbewusste Deutschlandpolitik, deren oberstes Ziel die Wiedervereinigung Deutschlands war. Diese bezog sich dabei nicht nur auf die DDR, sondern auch auf die ehemaligen Ostgebiete. Bemerkenswert dabei war, dass er dies ohne revanchistische Töne vollbrachte und immer deutlich machte, dass der Nationalsozialismus und damit die Deutschen selbst, an diesem Umstand schuld waren.(2) Ehlers stellte sich damit konsequent hinter das Schuldbekenntnis, welches der Rat der Evangelischen Kirche am 19.10.1945 gegenüber Vertretern der Ökumene ausgesprochen hatte. Ehlers war zwar kein Fürsprecher einer deutschen Kollektivschuld, Zugeständnisse an eine Kollektivunschuldsmentalität machte er allerdings auch nicht. Er war damit einer der wenigen in der Öffentlichkeit stehenden Personen, die sich früh mit dieser Thematik auseinandersetzte. So schrieb Ehlers im Juni 1950 im Sonntagsspiegel:

Wir sprechen es aus, daß wir durch Unterlassen und Schweigen vor dem Gott der Barmherzigkeit mitschuldig geworden sind an dem Frevel, der durch Menschen unseres Volkes begangen worden ist. Wir warnen alle Christen, das, was über Deutsche als Gericht Gottes gekommen ist, aufrechnen zu wollen, gegen das, was wir an den Juden getan haben.(3)

Vor diesem Hintergrund erscheint Ehlers´ Politik, die er für die Wiedervereinigung betrieb, aufgeklärt und moderat, wohl auch, um die Deutschen in der DDR zu schützen und den Gegnern der Bundesrepublik keine weitere Angriffsfläche zu bieten.

Für Ehlers war es wichtig, dass die Verbundenheit unter den Deutschen in beiden Teilen zunächst erhalten blieb und somit die Aussicht auf die Einheit. So plädierte er 1952 auf dem Evangelischen Kirchentag in Stuttgart:

Was uns heute als Deutsche in Ost und West, besonders aber im Westen, befohlen ist, das ist die unablässige Bewährung unserer Liebe zu den Brüdern jenseits der Grenze.(4)

Ehlers zählte zu den Befürwortern eines provisorischen westdeutschen Staates, dessen Vorläufigkeit er für unabdingbar sah. Gerade im Zusammenhang mit dem jungen Staat findet man bei Ehlers immer wieder den Hinweis auf die Bibel und hier speziell auf RÖMER 13(5). Die Würde der Obrigkeit sah er als von Gott gesetzt an und damit gleichzeitig die Bindung und Begrenzung durch Gebote gleichen Ursprungs. Dies bezog er auf die parlamentarische Demokratie in der Bundesrepublik und eben nicht auf einen Obrigkeitsstaat. Ehlers war der Meinung, dass man sich als Christ dessen bewusst sein sollte, im Zweifel Gott zu gehorchen und nicht dem Menschen. Dies war für ihn „der eigentliche Dreh- und Angelpunkt der ethischen Existenz des modernen Politikers“, wobei er die Bundesrepublik „in den gegebenen Möglichkeiten und Grenzen“ als eine „von Gott gesetzte Ordnung“ (6) ansah.

Hinter aller bundesrepublikanischen Politik sah Ehlers die gesamtdeutsche Verantwortung, die seiner Meinung nach von Bonn ausgehen musste.

Die Bundesrepublik wird ein eigenes und damit gesamtdeutsches Staatsbewußtsein letztlich nicht durch einen Hinweis auf ihre eigene Existenz und die Propagierung ihrer staatlichen Einrichtungen erzielen. Es wird alles davon abhängen, ob sie in ihrem Leben und in allen Entscheidungen ihrer Politik die gesamtdeutsche Verantwortung und Zielsetzung ständig erkennen lässt.(7)

Eine dieser gesamtdeutschen Entscheidungen, die die Richtung in der Politik der Bundesrepublik vorgaben, war die Bereitschaft der Regierung Adenauer, eine Wiederbewaffnung und somit eine Westintegration einzugehen. Ehlers stand einem Verteidigungsbeitrag der Bundesrepublik anfangs skeptisch gegenüber und war auf Grund der noch frischen Erinnerungen an Nationalsozialismus und Krieg misstrauisch gegenüber dem Versuch, „Deutschland in irgendeiner Form für die eine oder die andere Seite militärisch einzuspannen“(8). An eine neutrale Rolle Deutschlands in Europa und der Welt, wie sie beispielsweise von Gustav Heinemann vertreten wurde, glaubte er aber ebenso wenig, da er das Land in dieser Hinsicht für nicht überlebensfähig hielt.(9) Ehlers´ Haltung zur Wiederbewaffnung wandelte sich aber in den Jahren und man kann sich sicher sein, dass ihm dieses Abweichen von seiner früheren Meinung nicht leicht fiel, jedoch kam er zu der Einsicht, dass eine realistische Betrachtung der Gegebenheiten zu keinem anderen Schluss führen konnten. Diese Meinung vertrat er auch in Hinsicht auf die dadurch verstärkte Teilung der beiden deutschen Staaten.

[…] muß zugegeben werden, daß eine westdeutsche Aufrüstung Gegenmaßnahmen im Osten zur Folge haben kann, die die Trennung beider Teile Deutschlands verstärken, vielleicht sogar die Lage der Deutschen im Osten zunächst noch verschlechtern. Dieses Risiko dürfte keinesfalls eingegangen werden, wenn es einen heute gangbaren Weg gäbe, der die deutsche Einheit in absehbarer Zeit so herstellte, daß wir 1) nicht sofort zur Beute des Kommunismus werden, also unsere Freiheit verlieren, und 2) nicht morgen oder übermorgen als ein wehrloses Vakuum von dem überrollt werden, der ein Interesse daran hat, es zu tun.(10)

Dass Ehlers auf diesen Kurs einschwenkte und somit Adenauers Linie folgte, war nicht unbedingt absehbar gewesen. Lange Zeit galt er als Gegner der kompromisslosen Haltung Adenauers gegenüber der DDR. Ehlers war der Ansicht, dass man jede Gesprächsbereitschaft seitens der DDR nutzen sollte. So kam es beispielsweise zu Konflikten mit dem Bundeskanzler, als Ehlers 1950 den Präsidenten der Volkskammer, Johannes Dieckmann, kontaktierte. Adenauer sah seine Außenpolitik durch Ehlers unterwandert, der seine eigenen deutschlandpolitischen Akzente setzen wollte und diese auch gegen die Ansichten Adenauers vertrat. Dieser Konflikt wurde noch verstärkt, als Ehlers sich im Zuge der Grotewohl-Offerte(11) zur innerparteilichen Opposition der CDU gesellte und für eine einheitliche Erklärung aller demokratischen Parteien eintrat, was schließlich am 27.9.1951 eine durch den Bundestag gebilligte Regierungserklärung ergab, die gesamtdeutsche Wahlen unter internationaler Kontrolle vorschlug und dabei die gleichzeitige Herstellung der dafür erforderlichen Freiheitsrechte in der DDR forderte. Nochmals kam es zu einem Konflikt zwischen beiden Männern, als Ehlers eine Delegation der Volkskammer am 19.9.1952 in Bonn empfing.(12) Ehlers schwenkte letztlich auf Grund der politischen und rechtlichen Zustände in der DDR auf Adenauers Politikkurs ein. Dieser Wechsel brachte ihm zwar Ruhe von Seiten der Regierung, doch die Probleme wurden nicht weniger. Seine alten Weggefährten aus den Zeiten des Kirchenkampfes während der Zeit des Nationalsozialismus, Martin Niemöller und Gustav Heinemann, wandten sich immer mehr von ihm ab. Zuvor standen Sie in einem freundschaftlichen Verhältnis zueinander, was Ehlers anfangs einen gewissen Vorbehalt aus den Reihen seiner Partei entgegengebracht hatte. Doch auch wenn Ehlers sich um den Erhalt dieser Freundschaft bemühte, konnten ihr die unterschiedlichen biographischen Entwicklungen nicht standhalten.(13)

An den gezeigten Darstellungen lässt sich deutlich erkennen, dass Ehlers ein Mann mit beachtlichem Durchsetzungsvermögen war. Nicht nur, dass er seine eigenen politischen Vorstellungen in Bezug auf die Wiedervereinigung hatte, sondern auch innerhalb der CDU hinterließ er einen bleibenden Eindruck. Gegen den Willen Adenauers gründete Ehlers den Evangelischen Arbeitskreis (EAK) und schuf somit ein Gegengewicht zum starken katholischen Einfluss innerhalb der Partei. Dabei betonte er den inter-konfessionellen Charakter der Union und griff evangelische Fragestellungen auf, um die protestantischen Wähler politisch zu motivieren. Ehlers wurde zum „unumstrittenen Sprecher der Protestanten in der CDU/CSU“(14) und war derjenige, „der die Union allen konfessionellen Reibungen und Irritationen der Anfangsjahre zum Trotz im evangelischen Lager verankerte“(15). Durch seine Tätigkeit als Bundestagspräsident und der damit verbundenen Popularität, durch seine Stellung in der evangelischen Kirche, seine Auftritte auf Kirchentagen, Synoden und in evangelischen Vereinen und durch seine Arbeit im EAK stieg das Interesse der Protestanten an der CDU-Politik und somit die potentielle Wahlbereitschaft. Noch heute kann dies als Ehlers´ größter Verdienst für die Partei angesehen werden.(16)

Man wird ohne jede Einschränkung sagen dürfen, daß, wenn irgendwo der politische Einfluß des Katholizismus stärker ist, als er nach dem Verhältnis der Konfessionen oder den örtlichen Verhältnissen sein müßte, er dann nur dadurch so stark ist, daß evangelische Menschen ihre politische Verantwortung nicht wahrnehmen. Ich selbst glaube durch mein Amt und durch die Wahrnehmung dieses Amtes etwas dazu beitragen zu sollen, daß sichtbar wird, daß eine evangelische Verantwortung im Rahmen der CDU wahrgenommen werden kann, ohne daß in irgend einer Weise damit die evangelische Glaubensüberzeugung beeinträchtigt wird.(17)

Ehlers´ konsequentes Arbeiten und sein Eintreten für seine Überzeugung brachten ihm auch in seiner Partei viel Anerkennung ein. 1952 wurde er zum Landesverbandschef der CDU in Oldenburg gewählt. Im gleichen Jahr gelang es ihm sogar, dass er mit der gleichen Stimmenanzahl wie Konrad Adenauer zum stellvertretenen Bundesvorsitzenden der CDU gewählt wurde. Nicht wenige sahen Ehlers als möglichen Nachfolger in der Kanzlerschaft(18) und auch Ehlers selbst sah sich nicht als ewigen Bundestagspräsidenten und beschloss, 1954 als Spitzenkandidat der CDU zu den niedersächsischen Landtagswahlen anzutreten. Die charakterlichen Voraussetzungen dazu hatte er gewiss: ein ausgeprägtes Verantwortungsgefühl, Selbstlosigkeit und Uneigennützigkeit kennzeichneten Ehlers. Ohne seinen starken Glauben und seine kämpferische Art wäre sein Lebensweg so wohl nicht vorstellbar gewesen. Dass diese Umstände ihm nicht nur Freunde einbrachten, bringt Andreas Meier deutlich zur Geltung:

In ihrer leidenschaftlichen grundsätzlichen Massivität konnte diese Uneigennützigkeit des erklärten Amateurpolitikers Ehlers abstoßend wirken. In seiner Energie, nicht in egozentrischer Absicht wurzelte ‚etwas herrisches‘ in seinem Auftreten, er konnte im Urteil ‚sehr harsch‘ sein. Dies trug ihm den Vorwurf eines ‚gewissen allzu gesteigerten Selbstbewußtseins‘ ein, das ‚gerade Freunde seiner Person oder seines Amtes … beklagen und dies auch offen aussprechen‘.(19)

Diese Eigenschaften machten ihn in den ereignis- und arbeitsreichen Jahren nicht nur einsam und brachten ihm Unverständnis von alten Weggefährten und Politikern ein. Genauso war er durch die Dauerbelastung seiner Ämter gesundheitlich angegriffen. Eine vermeintlich leicht zu überstehende Mandelvereiterung führte schließlich zu seinem frühen Tod.

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Anmerkungen

(1) Meier 1991, S. 409.

(2) Vgl. dazu Krüger 2004, S. 34.

(3) Zit. nach Erdmann 1991, S. 7.

(4) Zit. nach Börner 1963, S. 134.

(5) „Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott angeordnet.“

(6) Erdmann 1991, S. 41.

(7) Ehlers im Sonntagsblatt (22.06.1952), zit. nach Börner 1963, S. 133.

(8) Ehlers im Sonntagsspiegel (24.09.1950), zit. nach Börner 1963, S. 155.

(9) Vgl. dazu Krüger 2004, S. 35 f.

(10) Ehlers, Gedanken zur Zeit, S. 132 f.

(11) Brief des DDR-Ministerpräsidenten an Bundeskanzler Adenauer, in dem Grotewohl freie und gesamtdeutsche Wahlen und ein neutrales, vereinigtes Deutschland vorschlug. Die Antwort brauchte fast zwei Monate und machte ein fehlendes deutschlandpolitisches Konzept der Bundesregierung deutlich.

(12) Vgl. dazu Besier 1990, S. 100-105; Krüger 2004, S. 38; Schwarz 1981, S. 125.

(13) Vgl. dazu Erdmann 1991, S. 15; Krüger 2004, S. 38 f.

(14) Jasper 1982, S. 106.

(15) Ebenda.

(16) Vgl. dazu Besier 1990, S. 96; Erdmann 1991, S. 14; Jasper 1982, S. 110; Schwarz 1981, S. 125; Krüger 2004, S. 39 f.

(17) Ehlers, Gedanken zur Zeit, S. 87.

(18) Vgl. bspw. Erdmann 1991, S. 20; Krüger 2004, S. 40; Schwarz 1981, S. 125; Meier 1991, S. 410.

(19) Meier 1991, S. 410.

Die vollständigen bibliographischen Angaben finden Sie hier.

Fotographie

Konrad Adenauer spricht auf H. Ehlers´ Trauerfeier. (Quelle: ACDP)