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Der Christ Ehlers

Dass Hermann Ehlers ein zutiefst gläubiger Christ war, muss an dieser Stelle nicht mehr explizit erwähnt werden. In welcher Intensität sich diese Gläubigkeit darstellte ist allgemein hin aber nicht bekannt. Sein Biograph Börner nannte ihn „in gewisser Beziehung ein[en] verhinderte[n] Theologen“ (1). Der Anhänger Luthers, dessen Schriften für Ehlers (neben der Bibel) die wichtigsten Quellen der Erkenntnis boten, war vor allen Dingen ein in der Öffentlichkeit stehender Christ. Dafür brauchte er kein hohes politisches Amt.

Es waren vielmehr die scheinbar kleinen Dinge, die Ehlers in den Vordergrund rückte. So beschäftigte er sich mit zeitgenössischen Theaterstücken, Filmen, Literatur sowie Zeitungsartikeln und untersuchte diese unter kirchlichem Aspekt. Presseangriffe auf die Kirche beantwortete er schnell und vehement. Wiederum reagierte er konsequent auf – seiner Ansicht nach – „falsche Töne in der Kirchenpresse“ und ging mit diesen „scharf ins Gericht“(2).

Weiterhin setzte Ehlers sich für die Wahrung der Sonntagsruhe ein oder untersuchte bspw. die Frage, ob Sport kirchenfeindlich sei. In einer anderen Angelegenheit klagte er über das „ermordete Fest“, wo er sich zur Kommerzialisierung der Advents- und Weihnachtszeit äußerte:

Jeder tüchtige Geschäftsmann besorgt sich auch einen [Weihnachtsbaum], schmückt ihn möglichst bunt, stattet ihn mit elektrischen Pseudokerzen aus und stellt ihn in seinen Laden oder in sein Schaufenster. Warum? Nicht um die Botschaft der Christnacht zu verkünden, sondern um seinen Umsatz zu erhöhen. Das ist ein durchaus legitimes Anliegen. Aber muß man dazu den ganzen Glanz, den der Heilige Abend den Alten und den Jungen bringen soll, vorwegnehmen?(3)

Weiterhin beschwerte er sich über den „ganze[n] Rummel um das angeblich stillste und schönste Fest des Jahres“(4), über Weihnachtsfeiern in jedem Verein und Betrieb, über künstlichen Weihnachtsschmuck in den Straßen und Städten. Auch den Kirchen warf er vor, sich am vorweihnachtlichen Spektakel zu beteiligen, indem sie schon ab dem ersten Advent Weihnachtsfeiern unterstützten und mittrugen.

Wir sollten alle dazu helfen, daß das Christfest nicht immer mehr ermordet wird; es geht nicht nur ein Fest dabei zugrunde, sondern ein guter Teil der christlichen Substanz, die wir in diesen Zeiten nötiger brauchen als jemals zuvor. Uns ist befohlen, die Botschaft zu hören, wenn sie uns verkündigt wird, und dann wie die Hirten zur Krippe zu gehen in aller Schlichtheit und mit der Bereitschaft, zu hören und zu behalten. Alles andere ist falsch und löst die Ordnung unseres Feierns auf.(5)

Die Kirche selbst spielte in Ehlers´ Leben eine übergeordnete Rolle. Deshalb setzte er sich für eine starke Kirche ein, „sichtbar im Leben des einzelnen“(6). Diese verteidigte er vehement gegen Irrlehren und liberale Strömungen. Die Kirche war für Ehlers ein ordnendes und geordnetes Gesamtgebilde, eine Kirche, die er als gesamtdeutsche Institution betrachtete und für die er sich hingebungsvoll einsetzte. Davon zeugte nicht zuletzt Ehlers´ Engagement in der EKD (Evangelische Kirche für Deutschland). Hier war er Vorsitzender des Ordnungsausschusses des Bruderrats der EKD und wirkte weiterhin am Zustandekommen der „Grundordnung der EKD“ mit, die schließlich 1948 in Eisenach verkündet wurde.(7) Die EKD war für Ehlers insbesondere deshalb wichtig, weil sie über die Zonengrenze hinweg die Einheit der Evangelischen Kirche aufrecht erhielt. Die Synode und der Rat der EKD tagten abwechselnd in Ost und West und auch der Deutsche Evangelische Kirchentag, der für Ehlers „von entscheidender Bedeutung für die Zusammenführung der evangelischen Christenheit in Ost- und Westdeutschland“(8) war, tagte bspw. 1951 in der DDR.

Im politischen Alltag nahm die Kirche für Ehlers ebenfalls ihren Platz ein:

Die Kirche hat durch ihre Amtsträger auch weiterhin keine Parteipolitik zu treiben: aber sie hat die Pflicht, zu erkennen, daß es Formen politischen Lebens gibt, die – einst und heute aus den Grundsätzen christlicher Verantwortung gewachsen – im Staate Freiheit, Gerechtigkeit und Selbstbestimmung garantieren und der Kirche in diesem Staat die unverkürzte Freiheit der Verkündigung sichern.(9)

Diese „Freiheit zur Verkündigung“ war Ehlers´ Meinung nach gleichzeitig mit Schwierigkeiten verbunden, denn die Kirchenvertreter hatten sich auf der einen Seite nicht zur Neutralität verpflichtet, wenn es bspw. zu neuen nationalistischen Tendenzen in der Gesellschaft kam. Auf der anderen Seite durfte sie sich nicht zum Sprachrohr aller machen und so tun, „als ob jeder Mensch stumm wäre und sie darum für alle reden müsse, ohne sich darum zu mühen, was im Einzelfall überhaupt geschehen kann oder bereits geschehen ist.“ (10) Die Aufgaben der Kirche waren für Ehlers ziemlich klar umrissen. Sie hatte Widerstand zu leisten gegen Radikalismus und Totalitarismus und war gleichzeitig damit beauftragt, den Armen und Schwachen Hilfe zu leisten, ohne ihre Freiheit, die sie zu einer ungefährdeten Kritik befähigte, dazu einzusetzen, den Staat lediglich zu kritisieren und sich „um das konkrete Wissen undSprechen herumzudrücken und mit viel Bibelworten und frommen Sprüchen zuviel Allgemeines sagten“(11).

Staat und Kirche und wir sind gefordert, daß wir nicht noch einmal den Weg gehen, der zunächst zum Jahr 1933 und dann in die totale Verwüstung von 1945 führte.

Widerstehet den Anfängen – überall!(12)

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Anmerkungen

(1) Börner 1963, S. 64.

(2) Ebenda, S. 65.

(3) Ehlers, Gedanken zur Zeit, S. 14.

(4) Ebenda, S. 15.

(5) Ebenda, S. 17.

(6) Börner 1963, S. 67.

(7) Vgl. dazu ebenda, S. 67 ff.; Wolf 1955, S. 1 f.

(8) Ehlers, Gedanken zur Zeit, S. 64.

(9) Ebenda, S. 72.

(10) Ebenda, S. 73.

(11) Ebenda.

(12) Ebenda.

Die vollständigen bibliographischen Angaben finden Sie hier.

Fotographie

Hermann Ehlers 1951. (Quelle: ACDP)